Johannesevangelium

Im Unterschied zu den Synoptischen Evangelien, die das Überlieferte dessen, "was sich unter uns ereignet und erfüllt hat" der "Reihe nach" erzählen, sich an die "Augenzeugen und Diener des Worts" (Lk 1.2) in der Form eines Berichts anschließend, aufzuschreiben und mit der Verheißung und der Geburt Jesu beginnen, setzt das Johannesevangelium mit einer theologischen Begründung ein, die uns sofort auf den erkennenden Mitvollzug dessen verweist, was als Logos hervorgehend den Anfang macht. Gemeinsam aber ist dies in gewisser Weise allen Evangelien, daß sie "vom Grund" her allem "sorgfältig nachzugehen" (Lk 1,3) suchen und in ihrem Bericht durch und durch als "Diener des Logos" Theologen sind - wie noch bei Ps. Dionysius-Areopagita, der die Evangelisten als die theologoi bezeichnete.

Im Johannesevangelium kommt mit seiner Struktur und der Figur des in Christus lebendigen Worts Gottes, das Gott selbst ist, das theologische Begründungs- im Dienstverhältnis zum Ausdruck und dient so seinerseits als methodische Weisung, wie das in den Evangelien Berichtete zu lesen und aufzunehmen ist.

Wenn Lukas schreibt, daß er wie viele vor ihm einen wohl gründlicheren und sorgfältiger durchdachten Bericht davon abzufassen unternimmt, "was sich unter uns ereignet und erfüllt hat", so erkennen wir eine direkte Aufnahme dieses "unter uns" im Anfang des Johannesevangeliums, wenn dort (Joh 1,14) vom Wort, da es Fleisch geworden ist, gesagt wird, es habe "unter uns gewohnt". In "sein Eigentum" gekommen, aber durch "die Seinen" nicht aufgenommen, durch die Welt nicht erkannt worden zu sein (1,10-11), verleiht dem theologischen Bericht (als Verkündigung, als Botschaft) die Bestimmung, daß sie solches Erkennen im Weitergeben des Worts  ermöglicht und so selbst geistig teilhat an der Einwohnung des Logos als durch die Seinen aufgenommen. Zu Erkennen ist diese Bestimmung des Aufnehmens und Erkennens als den Weltbewohnern ureigene. Die ursprüngliche Zueignung von Welt und Logos als Christus gibt für das Selbstverständnis der Menschen die Zugehörigkeit der Menschen als die Seinen zum Logos zu erkennen. Dieses Erkennen, wie es die Evangelisten alle gestalten, zeigt sich als mitvollziehbare Berichtigung des Verkennens von Gott und sich selbst in seinen Gedanken ursprünglicher Bestimmungsgründe. Es vollzieht sich und kann sich nur vollziehen in praktisch-personalem Verhalten, nicht in einer irgend außerhalb der Überlieferungsverantwortung situierten theoretischen Gotteserkenntnis, die ohne Orientierungsverbindlichkeit der Selbsterkenntnis von Mensch in Welt in Gedanken (nur im Verstand) gehalten werden könnte, ohne das Sein des Göttlichen im Erkenntnis gebenden Wort als vom Ursprung her einwohnend anzunehmen.