Logos und Vernunft


Zur Regensburger Rede von Papst Bendedikt XVI. am 12.9.2006


Wir stimmen mit allem verständigen Denken in Vernunft und Urteilskraft zu, daß "vernunftwidrig zu handeln dem Wesen Gottes zuwider ist" und daß dies in aller vernünftigen Überlegung zum Handeln und seinem Vernunftverhältnis im Geist ebensosehr wie in aller Vernunfterkenntnis von Gott, seinem Begriff und Logos gilt.

Denn es ist die Einheit der Erkenntnisvermögen in ihren theoretischen, praktischen und reflexiven, ihren ästhetischen und empfindend beiwohnenden Verhaltensarten als Geist nur personal udn für dieses die Unbedingtheit der maßgrundgebenden Bestimmungen für das urteilskräftige Handlungsverhalten ohne Gottesgedanken überhaupt nicht zu denken. Darum ist das Grund- und Maßverhältnis in allem Sittlichen, wo ja nach Kant die Vernunft als an sich selbst praktisch die verantwortende und darin Gott im Geist verwandt ist und gleichend, mit dem Gottesgedanken korreliert und stellt selbst einen für alle verantwortlich Denkenden mitvollziehbaren Begründungsgang in Aussicht (Weg dar), daß und warum die Vernunft sich in ihren Begründungsfragen von Maß und Grund mit Gott als das ursprünglich Gründende und Maßgebliche  beschäftigen muß - und warum es auch hilfreich und rettend wird, sich mit der Wortoffenbarung und den Weisungen in jener Botschaft inwiefern Gott selbst als Maß für die Einheit des Menschen in Person und Gemeinschaft sich als Mensch gibt und so die Gemeinschaft im Geist begründend sie uns zu erneuern hilft.

1.

In "gemeinschaftlicher Verantwortung für den rechten Gebrauch der Vernunft" schließen sich die nachfolgenden Überlegungen den Ausführungen des Vortrags in kritischer Differenzierung an.

Logos ist nicht einfach und nicht primär als Vernunft zu übersetzen, sondern zunächst als Rede und allen Funktionen ihrer Verbindung von Worten und ihren Aussagen. Der Begriff der Vernunft hingegegen entspricht eher dem des nous im Griechischen. Diese Unterscheidung aber ist wichtig, uns zwar nicht nur für das, was in Kants Werk zur Kritik steht und als kritisches Vermögen (im Zeitalter der gereiften Urteilskraft) am Werk ist, sondern auch für ein Verständnis des Johannesevangeliums und seiner einleitenden Begründung sowohl im Vorverweis der Ankündigung des Täufers auf Gottes unter Menschen lebendig gewordenes Wort als auch in der Nachfolge durch die Verkündigung des Evangelisten. Was der Logos bei Gott und als Gott unter uns bedeutet, bleibt an das Weisung annehmende und kündende Reden im Gedächtnis gebunden, das Tradition stiftet.

Liest man zu kurzgeschlossen Logos als Vernunft, der man dann das Wort als zweite Bedeutung hinzufügt (S. 3), folgt dieser Gebrauch wohl eher einem stoischen Verständnis, darin der Logos das Weltgesetz sein konnte (vom "Kosmos der Vernunft" zu sprechen, könnte als eine Reminiszenz an die Stoa aufgefasst werden), ein etwa von Platon her in dieser Form ganz unmöglicher / untunliche Verbindung. - Im Timaios konnte das Werden der Welt aus Vernunftgrund nur in einem eikos logos, gar in einem eikos mythos und also nur mit explizit erzählerischen Mitteln gedacht werden, darin Logos als mit eikos und mythos sich verschwisternd nicht als Gesetz und dem Wissen von ihm darstellen konnte. (Gesetz - nomos).

Notwendiger noch als für die Deutung der Begründungsstruktur im Johannesevangelium ist aber die mit der Unterscheidung von Logos und Vernunft einhergehende Differenzierung von Vermögen, die  am Geist teilhaben und in ihrer Verflechtung den Begriff des Geistes erst ausmachen können, für  ein 'Verständnis, wie Gott als Logos und Geist in der Geschichte wirkt, wie er handelnd uns zugleich Ermöglichungsgrund und Paradigma - in Christus durch den Geist - sein kann. Wie nämlich mit Vernunft und Sinn (mit dem wie im sensus communis auch eine Urteilskraft gemeint ist, die gemeinschaftsstiftende Funktionen in der Auseinandersetzung von Urteilen, Entscheidungen und ihrer Handlungen hat) der Geist als Urteilskraft.

2.

Ist die Vernunft unmittelbar Maß für das Handeln oder ist nicht vielmehr die Fähigkeit zur Angemessenheit in der Urteilskraft zu sehen, durch die wir in reflektierender und besonnen kritischer Erkenntnis Handlungsentscheidungen revidieren und in ihren Bestimmungsgründen berichtigen können?

Gottes Handeln mit Vernunft ist ein personales Ermöglichen von Geist im geistigen Verhalten als auf Weisen in Welt und Geschichte wirkend, daß wir mitwirken können und in einem umfassend sittlich-kulturellen Sinne auf uns verpflichtende Weise mitwirken können müssen (Weinberg des Geistes) - Dies ist kein Alles-Bestimmen, unbesehen dessen, was mit dem "Behandelten" geschieht. Die Liebe in der Vernunft, die ja als Vermögen gleichwesentlich zu Gott als Geist und so zu unserem Begriff von Geist gehört (nicht wie wie in besitzen, sondern wie wir an ihm in Vermögen und Verpflichtung teilhaben) steht in ihrer Fürsorge und Verantwortungsverhältnis (in Gottes Liebe zu uns) auch in einem uns Antworten. Gottes Handeln ist im Geist, das mit der Liebe und dem Logos der Begriffe auch ein Gedenken einschließt, immer auch mitreagierend (sonst gäbe es keine Geschichte zwischen Gott und Menschen als seinem Volk, keine Zugehörigkeit) - nie nur gesetzgebend: sein Wort ist nie nur Gesetz. Als reagierend im Geist aber verliert das Göttliche nichts an Ursprünglichkeit und Beständigkeit jener Maßgabe für uns durch ihn selbst, da er sich im Logos, uns im Geist erkennend (prüfen, beurteilend und zuvorkommend, und auch rettend - reorientierend) gibt.

3.

Im Geist von Ursprung und Logos sind Unbedingtheit der paradigmatisch (maßgeblich) gegebenen Orientierung für Handlung und Beurteilungsverhalten auch im Behandeltwerden (und Behandeltwordensein) vom Grund der Vermögen her gewahrt, in deren Zwecken und Bedingungen wir uns als Geliebte des göttlichen Geistes erkennen und selbstbewußt werden können.

Es ist also Gottes Freiheit und nicht Abhängigkeit, wenn er auf uns in Antwort auf die Not unserer Verhaltens- und Handlungsvermögen durch seine Liebe in der erneuernden Gabe von Vernunft und Urteilskraft aus der Hingabe all des von ihm abstammenden das Rettende eröffnet.